Kindersicherheitstag 2007: „Mit Kindern leben – sicher ist besser“
Statement Dr. Stefanie Märzheuser
Plötzlich ist es passiert... Typische Unfälle bei Kindern
anlässlich der Pressekonferenz am 14. Juni 2007 in Berlin
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, dass Sie zur Auftaktveranstaltung des Kindersicherheitstages 2007 gekommen sind. Dass Sie gekommen sind, gibt mir Anlass zu glauben, dass Sie an der Verhütung von Kinderunfällen interessiert sind, und das ist ein guter Anfang. Der diesjährige Kindersicherheitstag steht unter dem Motto „Mit Kindern leben – sicher ist besser!“ Dass wir mehr tun müssen, damit Kinder in Deutschland sicher groß werden können, und dass Sicherheit etwas Positives und Machbares ist – das möchten wir Ihnen und damit der Öffentlichkeit vermitteln.
In diesem Jahr konzentrieren wir uns besonders auf Kinder bis fünf Jahre. Gerade jüngere Kinder sind durch Unfälle stark gefährdet, und diese Unfälle geschehen meist im häuslichen Bereich. Die Zahl der Krankenhausfälle bei Kindern unter einem Jahr steigt seit einigen Jahren, im Gegensatz zu rückläufigen Zahlen bei älteren Kindern, vor allem durch die erfolgreiche Prävention von Verkehrsunfällen. Gerade jüngere Kinder benötigen unsere besondere Aufmerksamkeit, unseren Schutz und unsere Förderung. Mit Informationen, Elternkursen, Kindergartenaktionen, Fortbildungen für Menschen, die mit Kindern arbeiten, und mit Ausstellungen, die Anregungen und Tipps für sicheres Verhalten bieten, leistet die Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder hierzu einen entscheidenden Beitrag.
Ich möchte mich sehr herzlich beim Bundesministerium für Gesundheit bedanken, bei dem wir heute zu Gast sein dürfen und das unsere Arbeit seit vielen Jahren unterstützt. Mein besonderer Dank geht auch an die Marke Penaten des Unternehmens Johnson&Johnson und an die SIGNAL IDUNA Versicherungsgruppe, dank deren Sponsoring die heutige Veranstaltung und neue Informationsmaterialien zur Kindersicherheit realisiert werden konnten.
Jahr für Jahr macht der Kindersicherheitstag darauf aufmerksam: Viel zu viele Kinder in Deutschland – 1,7 Millionen jährlich, das ist unsere aktuelle Hochrechnung – erleiden unfallbedingte Verletzungen, und ein Großteil dieser Verletzungen ist vermeidbar. Sie mögen sagen: Das haben wir doch schon viele Jahre immer wieder gehört. Ich aber versichere Ihnen: Wir müssen es immer wieder in die Öffentlichkeit bringen, dass Kinderunfälle passieren – und eben nicht passieren müssten, wenn Eltern, Betreuungspersonen und ebenso Politik und Industrie Unfallgefahren beseitigen oder zumindest verringern würden. So erstaunlich und – für mich als Ärztin angesichts des Leids verletzter Kinder – bitter dies ist: Wir müssen noch viel lernen, was die Prävention von Kinderunfällen angeht!
In den letzten Wochen gingen zahlreiche Unfälle durch die Presse, die ganz typisch waren. Auch ich sehe in meinem Klinikalltag als Kinderchirurgin in der Rettungsstelle der Charité täglich ähnliche Unfallfolgen und entsprechende Unfallhergänge. Und immer wieder heißt es dann: Plötzlich ist es passiert, oder auch: Wie konnte das bloß passieren? Oder: Es geschah das Unvermeidliche....
Einige Beispiele:
Im warmen April die ersten Meldungen dramatischer Grillunfälle: Mit Eröffnung der Grillsaison ein schwerstverbranntes dreijähriges Mädchen, das beim Grillen von einer Flammenwand erfasst wurde – Erwachsene hatten den Grill mit Spiritus entzündet und es war zu einer Verpuffung gekommen. Im Mai hier in Berlin zwei tödliche Fensterstürze: Beim ersten war die Mutter nur kurz weggegangen, das Kind hatte das Fenster im Hochhaus geöffnet und war hinaus gestürzt. Beim zweiten war der Vater abends ausgegangen und hatte das Kind alleine schlafend zu Hause gelassen. Vor drei Wochen ein Bericht über einen Gerichtsprozess: Ein Einjähriger war in der Badewanne ertrunken – der Vater hatte das Kind in der Badewanne spielen lassen und es dann über dem Computerspielen vergessen.
Beispiele aus der Rettungsstelle
Das Unvermeidliche – keineswegs. Kinderunfälle sind zu mindestens 60 Prozent vermeidbar, und den umsichtigen, sicherheitsbewussten Umgang mit Gefahren können Erwachsene ebenso wie Kinder erlernen. Aufsicht und Umsicht der Erwachsenen schützen Kinder vor Unfällen, besonders in den ersten Lebensjahren. Ebenso wichtig sind eine kindgerecht eingerichtete Wohnung und die Verwendung von kindersicheren Produkten. Unfälle werden aber auch dadurch reduziert, dass Kinder aktiv in ihrer Risikokompetenz gefördert werden, dass sie also in geschütztem Rahmen ausprobieren und üben, sich bewegen, im Spiel ihre Fähigkeiten und Grenzen erfahren.
Kinder sind spontan und impulsiv. Sie entdecken die Welt und machen täglich neue Erfahrungen. In jedem Alter gibt es für sie neue Entwicklungsschritte, aber auch alterstypische Unfallrisiken. Darauf möchte unsere neue Wanderausstellung „Mit Kindern leben – Sicher ist besser!“ aufmerksam machen. Die vier Säulen illustrieren die Gefahren anschaulich und geben den erwachsenen Besuchern wichtige Hinweise und Tipps, wie sie vorbeugen können. Für Kinder bietet die Ausstellung auf Augenhöhe Anregungen, Spiele und Rätsel.
Gleich im Anschluss werden wir die Wanderausstellung eröffnen. Erleben Sie selbst, welche typischen Gefahren für Säuglinge, für Kleinkinder und für Vorschulkinder besonders gravierend sind. Sehen Sie vor allem aber, dass es konkrete Maßnahmen zur Unfallverhütung gibt, die oft ganz einfach sind.
Die „Vier Säulen gegen Kinderunfälle“ gehen von Berlin aus auf die Reise. Auf Folgeveranstaltungen zum Kindersicherheitstag wird die Ausstellung zum Beispiel in Gießen, Köln und Stuttgart zu sehen sein. Wir hoffen, dass wir mit der Botschaft „Mit Kindern leben – sicher ist besser!“ möglichst viele Menschen erreichen werden. Tragen auch Sie, liebe Journalistinnen und Journalisten dazu bei. Berichten Sie über Kinderunfälle – und nicht nur über tragische Einzelschicksale, sondern darüber, wie wir durch Wissen, Einstellung und Verhaltensänderung Kinderunfälle vermeiden können.
