Pressekonferenz Kindersicherheitstag 2008
„Kinder wollen Sicherheit!“
10. Juni 2008, 11.30 Uhr
Statement Dr. Stefanie Märzheuser, Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V.
„Kinder haben ein Recht auf Sicherheit – worauf es bei der Prävention von Unfällen ankommt“
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich, dass Sie zur Auftaktveranstaltung des Kindersicherheitstages 2008 gekommen sind und begrüße Sie im Namen der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder recht herzlich.
Kinder haben ein Recht auf Sicherheit. Das haben die Kinder selbst heute eindringlich zum Ausdruck gebracht. Ein Recht auf Sicherheit, was bedeutet das?
- Sichere, gesunde und fördernde Lebensbedingungen
- Sichere Produkte, z.B. Spielzeug, Haushaltsgeräte
- Aufmerksame, informierte und sicherheitsbewusste Erwachsene
- Kinder, die altersgerecht geschützt, gesichert, beaufsichtigt und angeleitet werden
- Kinder, die unter geschützten Bedingungen vielfältige Erfahrungen machen und Risikokompetenz erwerben können
Wie wir alle wissen: Wo Rechte sind, da sind auch Pflichten. Im Falle des Rechts der Kinder auf Sicherheit liegt die Pflicht erst einmal auf Seiten der Erwachsenen. Wir haben die Pflicht, Kinder altersgemäß zu beaufsichtigen, besonders die Kleinen. Sie altersgerecht zu sichern, z.B. mit dem richtigen Kindersitz beim Autofahren, dafür zu sorgen, dass sie beim Radfahren einen Helm tragen. Wir haben auch die Pflicht, unser Zuhause darauf zu überprüfen, ob es kindersicher ist. Haben Sie alle einen Rauchmelder im Haus? Wir haben ebenso die Pflicht, Kinder zu aufmerksamen, sicherheitsbewussten und kompetenten Menschen zu erziehen. Zum Beispiel indem wir uns Zeit für sie nehmen, mit ihnen üben, ihre Fähigkeiten ausbilden helfen, sie Erfahrungen machen lassen.
Aber – wenn Sie diese vielen Pflichten erschrecken sollten, so bedenken sie auch: Kinder sind vielfach kompetenter als wir annehmen. Auch Kinder können allmählich Pflichten übernehmen und sich selbst zu ihrem Recht auf Sicherheit verhelfen. Schon für die Kleinen kann es selbstverständlich werden, dass sie sich in ihrem Autositz anschnallen, dass der Helm beim Fahrradfahren ganz einfach dazu gehört und dass beim Inlinern Knieschoner getragen werden.
Kinder können lernen, mit riskanten Situationen sensibel und angemessen umzugehen, wir nennen das Risikokompetenz. Für die Entwicklung von Risikokompetenz müssen Kinder unter altersgerechten Bedingungen Erfahrungen mit schwierigen Situationen machen – aber Schritt für Schritt unter dem Schutz und der Anleitung sicherheitsbewusster Erwachsener.
Riskante Situationen zu bewältigen, herausfinden, wie man richtig reagiert und sich trotz Herausforderung eben nicht in Gefahr begibt, das ist für die kindliche Entwicklung eine ganz wichtige Erfahrung. Auch hierauf haben Kinder ein Recht: Risikokompetenz und Selbst-Sicherheit zu erlernen. Im schlechtesten Fall wird Unfallverhütung gleichgestellt mit „in Watte packen“, Überängstlichkeit und Überbeschützen.
Sie kann den Beigeschmack fader Langeweile oder „falschen Alarms“ haben. Das ist jedoch nicht unsere Strategie. Die BAG geht ganz klar davon aus: Unfallverhütung heißt nicht, dass Kinder zu Hause sitzen sollen, alle Ecken und Kanten geglättet sind, jedes Klettern unterbunden wird und keine Erfahrungen mehr möglich sind. Unfallverhütung bedeutet eine Balance zwischen Gefahr und Erfahrung. Das Verständnis der Kinder für Gefahren erwächst aus den gemachten Erfahrungen. Diese Erfahrungen können von den Eltern sinnvoll gelenkt werden!
Wir sind überzeugt: Kinder haben ein Recht auf Sicherheit, und da ist einiges machbar. Jedes durch die Folgen eines Unfalls verstorbene Kind, jedes schwer verletzte Kind ist eines zu viel! Sie haben heute die Kinder hier vor dem Reichstag erlebt. Vielleicht waren dies etwa 300 Kinder – mehr als diese Kinder sind im vorletzten Jahr tödlich verunglückt, nämlich 336 in 2006. Und die tödlichen Unfälle sind nur die Spitze des Eisbergs: Jedes Jahr verletzen sich in Deutschland fast 1,7 Mio. Kinder durch Unfälle, und etwa 200.000 müssen pro Jahr wegen einer Unfallverletzung im Krankenhaus behandelt werden. Das Ziel der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder ist, die Zahl der Unfälle in den nächsten fünf Jahren um 20 Prozent zu reduzieren. Diese Reduzierung soll durch gezielte Maßnahmen in den Lebenswelten der Kinder – in der Familie, in Kindergarten und Schule, im kommunalen Umfeld – erreicht werden. Wir wissen, dass dies machbar ist, wenn wir uns gemeinsam mit Politikern, Institutionen, Unternehmen und regionalen Partnern anstrengen. Denn ein Großteil der Kinderunfälle kann verhindert werden: durch Gesetze, technische Entwicklungen, Aufklärung und sicherheitsbewusstes Verhalten von Erwachsenen und Kindern.
Der Rückgang der tödlichen Kinderunfälle in Deutschland ist ein ermutigendes Beispiel für die Wirkung von Prävention. Während im Jahr 1985 noch 11,6 Kinder von 100.000 Kindern tödlich verunglückten, waren es 2002 nur noch 3,2 auf 100.000. Im Jahr 2006 haben wir mit einer Rate von 2,9 tödlich verletzten Kindern einen Tiefstand erreicht – auch im europäischen Vergleich. Genauso wollen wir auch bei den Verletztenzahlen vorankommen, und Nachholbedarf gibt es vor allem bei der Prävention von Unfallverletzungen in Heim und Freizeit, die bei jüngeren Kindern mehr als 60% aller Unfälle ausmachen.
Als Kinderchirurgin an der Berliner Charite sehe ich in meiner täglichen Praxis täglich diese Unfälle: der Sturz aus dem Fenster, der Sturz vom Hochbett, die Verbrühung mit dem heißen Wasserkocher, der Sturz mit dem Fahrrad ohne einen Helm mit schwerer Kopfverletzung, die Verletzung auf dem Spielplatzgerät.
Helfen auch Sie mit: Verschaffen Sie durch Ihre Berichterstattung Kindern zu ihrem Recht auf Mehr Sicherheit!
