Präventionsprojekt
Thermische Verletzungen im Kindesalter und soziale Risiken
Neue Ansätze für die Prävention
Projektträger
Frau Dr. Ellsäßer, Frau Dr. Seidel (Landesgesundheitsamt Brandenburg, Wünsdorfer Platz 3, 15838 Wünsdorf) in Kooperation mit Herrn Dr. Albrecht (Städtische Kliniken Dortmund, Kinderchirurgische Klinik) und Herrn Dr. Böhmann (Kinderklinik des städtischen Krankenhauses Delmenhorst)
Was ist das Neue in diesem Projekt?
- Ausgangspunkt ist die epidemiologische Analyse von thermischen Verletzungen.
- Die epidemiologische Analyse führte zu neuen Schwerpunktsetzungen in der Prävention thermischer Verletzungen.
- Aufklärungsmedien werden übersetzt, obwohl die Projektträger dafür keine Budgets haben.
- Aktionen werden an solchen Standorten durchgeführt, wo ethnische Minderheiten ihren Lebensmittelpunkt haben.
- Alle beteiligten Initiatoren bildeten ein Netzwerk. Ressourcen werden gegenseitig zur Verfügung gestellt.
- Durch dieses Netzwerk können viele Multiplikatoren miteinbezogen werden.
Sachstand
Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie Schweden, England und die Niederlande gibt es in Deutschland keine Präventionstradition zu Kinderunfällen.
Unter dem Dach des Forum Unfallprävention des Deutschen Grünen Kreuzes e.V. hat sich daher seit 1996 ein Verbund aus Regionen und Städten zusammengeschlossen (Delmenhorst, Dortmund, Potsdam, Cottbus, Landkreis Havelland, Berlin Friedrichshain). Dieser Verbund hat sich folgende Ziele gesetzt:
- die Datenlage zu Kinderunfällen bei Kindern, die jünger als 15 Jahre sind, zu verbessern,
- auf der Grundlage von epidemiologischen Erkenntnissen Präventionsschwerpunkte zu definieren und
- Präventionsmaßnahmen modellhaft umzusetzen.
Um die Datenlage zu Kinderunfällen in Deutschland zu verbessern, wurde unter der wissenschaftlichen Leitung des Landesgesundheitsamtes (Dr. Ellsäßer) in der Stadt Delmenhorst ein Unfallmonitoring aufgebaut. Beobachtungsstützpunkt ist die Kinderklinik des städtischen Krankenhauses Delmenhorst (Dr. Böhmann). Die Behandlungs- und Unfalldaten aller Kinder, die im Krankenhaus und in den drei Notfallambulanzen ärztlich versorgt werden müssen, werden dort seit 1998 zusammengeführt und kontinuierlich erfasst. Ein hierfür nach den Empfehlungen der WHO entwickelter minimaler Datensatz ( MDI - Minimal Data set of Injury Prevention) wurde von jedem verletzten Kind nach folgenden Merkmalen erfasst: Alter, Geschlecht, Nationalität, „injury intention“ (Unfall, Gewalttat, sexueller Missbrauch und Suizidversuch), der Unfallort, die Unfallart, Tätigkeit und Diagnosen nach ICD-10. Diese Erfassung folgt den WHO Leitlinien zur Unfallsurveillance für Länder mit wenig Ressourcen („Injury surveillance guidelines for less-ressourced environments“). Zusätzlich wurden nach dem Erfassungssystem zu Heim- und Freizeitunfällen „EHLASS“ (European Home and Leisure Surveillance System) die bei Unfällen beteiligten Produkte mit kategorisiert. Dies ist besonders wichtig für die Analyse von Unfallhergängen (z.B. Verbrühungen/Verbrennungen).
Der zweite Beobachtungsstützpunkt zu Kinderunfällen ist das Landesgesundheitsamt Brandenburg. Hier werden seit 1994 die Daten der Brandenburger Einschulungsuntersuchungen analysiert, bei denen im Rahmen der sozialpädiatrischen Anamnese auch gezielt nach Unfallverletzungen der Kinder, die bis zum Zeitpunkt der Einschulung passiert sind, gefragt wird. Außerdem wird der Unfallort erfasst. Weitere Informationen, die aus der Befragung des anwesenden Elternteils hervorgehen, wie zur Erwerbstätigkeit, Schulbildung der Eltern sowie Anzahl der Kinder im Haushalt, ergänzen die ärztliche Anamnese. Das Landesgesundheitsamt wertet die anonymisierten Daten aus. Ein Sozialindex wurde aus den Angaben zur Schulbildung und Erwerbstätigkeit gebildet und eine Einteilung nach hohem, mittleren und niedrigem Sozialstatus vorgenommen. Daher können die Daten zu Verletzungen der Einschüler mit den Sozialindexdaten verglichen werden.
Durch diese beiden bevölkerungsbezogenen Erfassungssysteme zeigte sich von Anfang an, dass nur bestimmte Unfallarten mit sozialen und soziokulturellen Risiken zusammenhängen. Dies betrifft insbesondere die Verkehrsunfälle und thermische Verletzungen.
Da im Verkehrsbereich seit Jahren in Deutschland erfolgreich Prävention umgesetzt wird (rechtliche Regelungen verbunden mit einer systematischen Verkehrserziehung), wurde als Präventionsschwerpunkt die Verhütung von thermischen Verletzungen unter besonderer Berücksichtigung sozialer Risiken festgelegt.
Folgende Arbeitsschritte wurden definiert
- Datenanalyse und Definition von Risikogruppen und Risikofaktoren
- Empfehlung von Präventionsmaßnahmen
- Umsetzung
Zu 1 – Datenanalyse, Risikogruppen, Risikofaktoren
Brandenburger Einschulungsuntersuchung: Soziale Risiken
Die Analyse der Daten der Brandenburger Einschulungsuntersuchung zeigt folgende Erkenntnisse: Ca. 15 % der Schulanfänger (5 bis 6 Jahre) hatten bereits einen Unfall bis zum Zeitpunkt der Einschulungsuntersuchung. Auffallend ist, dass sich die Jungen im Vergleich zu den Mädchen häufiger (56 % vs. 44 %) verletzten. Die drei häufigsten Unfallorte waren: der häusliche Bereich (ca. 70 %), der Kindergarten (ca. 23 %) und der Straßenverkehr (ca. 7 %). In Zusammenhang mit dem Sozialindex niedrig, mittel, hoch, fanden sich im Beobachtungszeitraum durchgehend höhere Unfallraten von Verbrühungen bei Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialindex verglichen mit Kindern aus Familien mit einem hohen Sozialindex.
Des Weiteren passierten signifikant mehr Verbrühungsunfälle in Mehrkindfamilien im Vergleich zu Einkindfamilien.
Unfallmonitoring Delmenhorst: Soziokulturelle Risiken
Im Zeitraum 1998-2002 wurden 11.383 Kinderunfälle (<15 Jahre) registriert, darunter 334 Unfälle durch thermische Verletzungen. Dabei zeigt sich ein starker Zusammenhang zwischen Merkmalen, die das Herkunftsland, das Alter und das Geschlecht betreffen. Migrantenkinder haben auffallend häufiger thermische Verletzungen als gleichaltrige deutsche Kinder. Auslöser sind oft heiße Flüssigkeiten. Hier sind insbesondere die Jungen unter den Migrantenkinder in der Altersgruppe der bis unter 5 jährigen extrem gefährdet (sechsmal häufiger als gleichaltrige deutsche Kinder).
Zusammenfassend lässt sich feststellen:
- Auch in Deutschland besteht ein besonderes Risiko für thermische Verletzungen für Jungen in der Altersgruppe der unter 5 jährigen.
- Ein erhöhtes Risiko für thermische Verletzungen besteht bei Kindern aus Familien mit niedrigem Sozialstatus und mit drei und mehr Kindern.
- Deutlich erhöht ist das Risiko für Unfälle bei Kindern aus Migrantenfamilien.
Zu 2 – Empfehlung von Präventionsmaßnahmen
Die Elternaufklärung zur Vermeidung von thermischen Verletzungen sollte auf das Säuglings- und frühe Kleinkindalter fokussieren sowie gezielt sozial schwache Familien und Ausländerfamilien ansprechen.
Die derzeitig verfügbaren Informationsmaterialien zur Verhütung von thermischen Verletzungen sollten in die wichtigsten Immigratensprachen übersetzt werden.
Zu 3 – Umsetzung
Aufklärungsmedien
Da es bisher in Deutschland zum Thema Prävention von thermischen Verletzungen kaum Aufklärungsmedien gibt und die wenig verfügbaren Infomaterialien z.B. der Selbsthilfegruppen nicht nach epidemiologischen Gesichtspunkten aufgebaut sind, wurden in einem ersten Schritt neue Aufklärungsmedien entwickelt. Alle Medien sind kostenlos erhältlich und werden im folgenden kurz aufgeführt (s. Anlagen):
- „Heißes Wasser brennt wie Feuer“
- Brandschutzkarte
- Ausstellungsplakate zu thermischen Verletzungen - downzuloaden über www.oegd-brandenburg.de/aktuelles.htm (unter Nachrichten des Verbandes)
- Infobroschüre „Kinder sicher ist Kinder leicht – so machen Sie Ihr zuhause kindersicher“ auf türkisch übersetzt (veranlasst über den runden Tisch „Prävention von Kinderunfällen“ in Dortmund)
Aktionen
Eltern werden seit 1999 über eine Ausstellung mit dem Modul „Riesenküche“ zu Gefahrenstellen (Herd) und gefährlichen Produkten (elektrischer Wasserkocher, Halogenlampen, Bügeleisen) informiert.
Diese Ausstellung wurde erstmals in Delmenhorst präsentiert (1999) und ist im Land Brandenburg seit 2001 im Einsatz - dank der Finanzierung durch den Verband der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes des Landes Brandenburg e.V. In Dortmund wird das Medium seit 2000 kontinuierlich eingesetzt. Diese “Haushaltssicherheitsausstellung“ informiert zweisprachig und richtet sich insbesondere auch an türkische Eltern.
Im Land Brandenburg ist in 2003 diese Ausstellung weiter entwickelt worden und trägt den Titel „Kinder sehen anders“. Eltern wird über Beispiele aus dem Lebensalltag der Kinder sinnlich erfahrbar gezeigt, dass Kinder anders reagieren, ein anderes Seh-, Hörvermögen haben und erst ab dem Alter von acht Jahren ein Gefahrenbewusstsein entwickeln. In diesem Ausstellungskonzept wird die Unfallprävention im häuslichen Bereich mit der im Verkehrsbereich unter dem Blickwinkel des Kindes – Kinder sehen anders – verbunden. Ergänzend zu dieser Ausstellung wurde ein Handbuch entwickelt, das Kommunen eine Anleitung gibt, welche Ziele diese Ausstellung verfolgt, wie die Zielgruppen erreicht werden können, wie die Presse sinnvoll zu informieren ist, wo Daten zu Kinderunfällen erhältlich sind (LGA) und wie eine Aktion mit der Ausstellung evaluiert werden kann.
Im Rahmen des Brandenburger landesweiten Aktionsprogrammes „Gesund
groß werden in einem sicheren Lebensumfeld“ wurde unter
der Moderation des Landesgesundheitsamtes die Prävention von
thermischen Verletzungen im Jahr 2003 als ein besonderer Schwerpunkt
umgesetzt. Der Landesfeuerwehrverband hat z.B. in Brandenburger
KITAS die verschiedenen Aufklärungsmedien eingesetzt (s.o.)
und insgesamt zum Thema thermische Verletzungen informiert. Durch
diesen Ansatz konnten gerade Kinder aus sozial schwachen Familien
und deren Eltern erreicht werden, da über 93% der Kinder ab
drei Jahren in Brandenburg eine KITA besuchen.
Im März 2004 wird die Ausstellung „Kinder sehen anders“ erstmalig
in einem großen Aussiedlerwohnheim (über 600 Plätze)
im Land Brandenburg in deutscher und russischer Sprache präsentiert.
Es ist eine Kooperation zwischen dem Landesvertriebenen- und Aussiedleramt
und dem Landesgesundheitsamt.
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