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Hintergrundinformation zu den europäischen Kindersichterheitsgutachten 2009, "Child Safety Report Cards"

Wegweiser

Am 6. Mai 2009 hat die European Child Safety Alliance, ein europäisches Netzwerk zur Kinderunfallprävention, im Europäischen Parlament in Straßburg Ergebnisse zur Kindersicherheit in Europa vorgestellt. Deutschland ist mit der Organisation „Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder“ in der Allianz vertreten.

Für 24 europäische Nationen werden so genannte „Child Safety Report Cards“, also Gutachten zur Kindersicherheit, präsentiert und die Länderergebnisse in einem zusammenfassenden Bericht bewertet. In den beteiligten Ländern werden am 6. Mai zudem nationale Veranstaltungen und Presseaktionen zur Veröffentlichung der „Report Cards“ durchgeführt.

Kindersicherheit in Europa im Vergleich

Die neuen Kindersicherheitsgutachten sind die Aktualisierung einer 2007 erstmalig vorgenommenen vergleichenden Bewertung der Kindersicherheit in den Ländern Europas. In einer Übersicht über die Einzelergebnisse wird aufgezeigt, wie die beteiligten Länder in wesentlichen Sicherbereichen aufgestellt sind: So werden die Maßnahmen und Strategien zur Verkehrssicherheit, zur Wassersicherheit, zur Prävention von Stürzen, Vergiftungen, Brand- und Erstickungsunfällen in den Blick genommen. Aber auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Datenlage, die Infrastruktur und die fachlichen Grundlagen in den Ländern werden analysiert. Und schließlich beinhalten die „Report Cards“ und der Ländervergleich auch Empfeh­lungen zur Prävention. Es wird dargestellt, welche Prioritäten für die Kinderunfall­prävention in den beteiligten Ländern gesetzt werden sollten. Die Gutachten beschreiben, welche positiven Beispiele genutzt werden können, um Verletzungen zu vermeiden und die Gesundheit und am Ende auch das Leben der Kinder in Deutschland und Europa zu schützen.

Große Sicherheitsunterschiede in den Ländern Europas

Die „Report Cards“ zeigen, dass es in den europäischen Nationen große Unterschiede hinsichtlich der Kindersicherheit gibt. Mit Hilfe von Daten, Recherchen Befragungsergebnissen und vergleichenden Bewertungen wurde ein Ranking vorgenommen und eine Übersicht über die Ergebnisse der beteiligten Länder erstellt. An der Spitze liegen Island, die Niederlage und Schweden, Schlusslichter sind Griechenland und Portugal. Deutschland liegt, wenn man die tödlich verletzten Kinder sowie den Sicherheitsstatus betrachtet, im oberen Drittel und hat sich gegenüber der Ersterhebung 2007 bei der erreichten Punktezahl leicht verbessert.

EU-Gesundheitskommissar Androulla Vassiliou stellte anlässlich dieser Ergebnisse zur Kindersicherheit in Europa fest, dass die Unfalltodesfälle ein führendes Beispiel für die ungleichen Gesundheitschancen von Kindern in Europa sind.

Die internationalen Unterschiede sind größer als in allen anderen Altergruppen und stehen in Verbindung mit sozio-ökonomischen Faktoren. Die europäische Union und die europäischen Länder müssten für alle Kinder das Recht auf Sicherheit einlösen. Dies könnte durch Nationale Aktionspläne zur Kindersicherheit erreicht werden.

Kindersicherheit hat sich in den letzten zwei Jahren verbessert

Insgesamt hat sich die Kindersicherheit in den 14 Ländern, die sich bereits seit 2007 an den Begutachtungen der European Child Safety Alliance beteiligt haben, verbessert. Aber immer noch ist der politische Stellenwert der Kinderunfallprävention nicht hoch genug – insbesondere angesichts der hohen gesundheitlichen Belastungen durch Unfallverletzungen und des großen Anteils der Unfälle an der Sterblichkeit von Kindern und Jugendlichen. Nach den Daten der europäischen Kindersicherheits-Studie sind in Deutschland Unfälle für 19% aller Todesfälle der 0-19jährigen verantwortlich und haben fast 90.000 verlorene Lebensjahre zur folge. Jahre, in denen die Kinder und Jugendlichen aufwachsen, lernen und zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft werden würden.

Deutschland zählt zu den zehn Nationen unter 24 teilnehmenden Ländern, die eine gute Gesamtbewertung erhalten haben. Keines der Länder hat ein exzellentes Ergebnis erzielt. Es besteht also überall in Europa noch Verbesserungsbedarf, insbesondere bei der Datenlage, der Erforschung der Unfallrisiken, der europaweiten Übertragung erprobter Präventionsmaßnahmen, die sowohl gesetzliche Regelungen, erzieherische und aufklärende Maßnahmen wie auch technische Entwicklung umfassen. Nicht zuletzt sind Strategien der politisch Verantwortlichen gefragt, wo und wie in eine ressortübergreifende und effektive Verletzungsprävention investiert werden soll.

Stärken und Schwächen der Kinderunfallprävention in Deutschland

Die „Report Card Germany“, das Kindersicherheitsgutachten der European Child Safety Alliance für Deutschland zeigt, dass Kinder in Deutschland vergleichsweise sicher aufwachsen können. Mit einer Punktzahl von 37,5 gegenüber dem maximalen Wert von 44,5 Punkten in den Niederlanden ist der Grad der Kindersicherheit in Deutschland relativ hoch.

Sehr gut platziert ist Deutschland bei der Verkehrssicherheit. Wie schon 2007 erreichte Deutschland hier ein ausgezeichnetes Ergebnis – dank bundeseinheitlicher Gesetze und deren konsequenter Durchsetzung wie auch durch die gut etablierte Verkehrserziehung. Als verbesserungswürdig wird die Tatsache gesehen, dass es in Deutschland keine Helmpflicht für Fahrradfahrer gibt.

Im Bereich der Heim- und Freizeitunfälle besteht nach den Ergebnissen der Kindersicherheitsstudie in der Bundesrepublik immer noch hoher Handlungsbedarf. Große Probleme sieht das Gutachten bei Ertrinkungsunfällen. Sie sind nach den Verkehrsunfällen die zweithäufigste Unfalltodesursache bei Kindern – aber nach wie vor gibt es keine bundeseinheitlichen Regelungen zum Schwimmunterricht, zur Ausbildung von Lebensrettern, zur Beschilderung von Stränden. Bemängelt wurde zudem, dass kein Gesetz zur Einzäunung von Swimmingpools und Gartenteichen existiert und dass Schwimmwesten beim Gebrauch von Booten nicht gesetzlich vorgeschrieben sind.

Auch gegen Verbrennungen und Verbrühungen könnten Kinder in Deutschland noch besser geschützt werden. So sollte der Einbau von Rauchmeldern im Privatbereich in allen Bundesländern Pflicht werden und Regelungen zur Wasser-Höchsttemperatur sollten bundeseinheitlich getroffen werden. Unfälle durch Stürze könnten durch eine gezielte Aufklärungskampagne – die letzte gab es im Jahr 2000 mit dem damaligen Kindersicherheitstag – reduziert werden. Außerdem sollte der Einbau von Fensterriegeln für Wohnungen ab dem 1. Stock durch Regelungen in den Bauordnungen obligatorisch werden. Auch für Vergiftungen im Kindesalter mangele es an bundesweiter Aufklärungsarbeit.

Gute Bewertungen hat Deutschland für die Infrastruktur und den Aufbau von Kapazitäten erhalten. Dazu zählt, dass mit der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder e. V. eine führende nationale Organisation existiert, die primär für die Kinderunfallprävention zuständig ist. Sie hat einen Aktionsplan entwickelt, Präventionsmaßnahmen initiiert und die beteiligten Akteure vernetzt. Positiv anerkannt wird auch, dass sich die Unterstützung der Kinderunfallprävention durch die Bundesregierung verbessert hat. So ist die Verhütung von Kinderunfällen ein integrierter Bestandteil der Strategie der Bundesregierung zur Kindergesundheit.

Positive Veränderungen gegenüber 2007

Der Zuwachs an Punkten, den die Bundesrepublik bei der Kindersicherheits-Bewertung erzielt hat, kommt vor allem durch folgende Veränderungen zustande:

  • 2008 sind in Deutschland Regelungen für kindersichere Feuerzeuge verbindlich und dauerhaft eingeführt worden.
  • Die Zahl der Bundesländer, in denen der Einbau von Rauchmeldern in privaten Neubauten vorgeschrieben ist, hat sich auf 6 erhöht.
  • Der Schutz vor Erstickungsunfällen durch Verschlucken von Kleinteilen hat sich durch die neue Spielzeugrichtlinie (2008 in Europa beschlossen) verbessert.
  • Die Datenlage hat sich verbessert, z. B. durch den nationalen Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts, der auch repräsentative Daten über Kinderunfälle und zum Einsatz von Schutzmaßnahmen enthält.
  • Die Zahl der Aktivitäten zur Kindersicherheit hat sich erhöht, so gab es mehr Öffentlichkeitsarbeit, zusätzliche Kampagnen, Fachtagungen.
  • Die Unterstützung der Kinderunfallprävention durch die Bundesregierung ist ausgebaut worden, u. a. durch eine Gesamtstrategie zur Kindergesundheit, die die nationalen Empfehlungen der Bundesarbeitsgemeinschaft zur Weiterentwicklung der Kinderunfallprävention aufgreift. Auch sind mehr Ressorts eingebunden und neue Förderprojekte aufgelegt worden.

Die Reduktion der Zahl tödlicher Kinderunfälle ist besonders erfreulich. Hier ist festzustellen, dass die Daten der europäischen Kindersicherheitsstudie nicht aktuell sind, weil ein einheitlicher Datenrahmen für die beteiligten Länder gesetzt werden musste. Damit alle Länder Zahlen vorlegen konnten, war das Vergleichsjahr 2004. Die für Deutschland vorliegenden aktuelleren Zahlen aus der nationalen Todesursachenstatistik bestätigen, dass der positive Trend anhält. So betrug die Rate der tödlich verunglückten Kinder im Jahr 1999 noch 4,9 Unfalltodesfälle auf 100.000 Kinder bis 14 Jahre. Im Jahr 2007 lag diese Rate nur noch bei 2,9.

Schlussfolgerungen

Jedes Jahr sterben in Europa mehr als 10.000 Kinder durch unbeabsichtigte Verletzungen. Ein Großteil dieser Verletzungen wäre vermeidbar, wenn eine konsequentere und effektivere Unfallprävention betrieben würde. Legt man die niedrigste Unfallzahl zugrunde, nämlich die in den Niederlanden, die im Vergleich am besten abgeschnitten haben, wären europaweit 3.000 Unfalltodesfälle zu vermeiden.

Die Verhütung von Kinderunfällen ist also eine wichtige gesundheitspolitische Aufgabe, die Aussicht auf gute präventive Erfolge hat. Die Zahl der Kinderunfälle kann reduziert werden, wenn systematisch in Kindersicherheit investiert wird: in Forschung, in die Übertragung positiver Modelle auf alle Länder Europas, in den Ausbau von Präventionsmaßnahmen, in konsequente gesetzliche Regelungen und deren Durchsetzung. Für komplexe und evidenzbasierte Interventionen ist auch die ressortübergreifende Zusammenarbeit zu verbessern, die Datenlage zu optimieren und die Infrastrukturen und Kapazitäten in den Ländern Europas auszubauen.

Europa ist bei der Kindersicherheit auf einem guten Weg, darf aber nicht nachlassen in dem Bemühen, Kinderunfälle zu verringern und hierzu gezielte gesundheitspolitische Strategien zu entwickeln.

Nächste Schritte

Für Deutschland wird sich die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder e. V. weiterhin engagiert für Sicherheitsförderung und Unfallschutz einsetzen. Dabei wird sie ein besonderes Gewicht auf die Verhütung von Heim- und Freizeitunfällen legen und die im europäischen Kindersicherheitsgutachten aufgezeigten Defizite aufgreifen. Handlungsleitend ist ihr nationaler Aktionsplan „Mehr Sicherheit für Kinder 2010“, der vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird, sowie ihre „Nationalen Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Kinderunfallprävention in Deutschland“.

Nach den in den „Report Cards“ aufgezeigten Präventionslücken ist besonders eine Verstärkung der Aktivitäten gegen Ertrinkungsunfälle notwendig. Hier hat Deutschland ein schlechtes Ergebnis erzielt. Bei dem Bemühen, bundeseinheitliche Regelungen zur Wassersicherheit und zum Schwimmen lernen voranzubringen, ist die Partnerschaft mit der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft als Mitgliedsorganisation der BAG zentral.

Ganz besonders gilt es aber im privaten Bereich aktiv zu werden, die häuslichen Ertrinkungsunfälle kleiner Kinder, z.B. in Gartenteichen, in den Blick zu nehmen und hier präventive Maßnahmen zu entwickeln.

Auch die Sturzunfälle, die mehr als die Hälfte der Kinderunfälle ausmachen und bei denen Deutschland nicht gut abgeschnitten hat, bleiben für die BAG ein Thema mit Handlungsbedarf. Hier sollte an frühere Kampagnen angeknüpft und die Bevölkerung für die wichtigsten Sturzquellen – Treppenstürze, Stürze aus dem Fenster, vom Wickeltisch, mit der Lauflernhilfe und von Spielgeräten – sensibilisiert werden.

Die Thematik Vergiftungsunfälle – Deutschland hat diesbezüglich eine relativ niedrige Punktezahl erreicht und sich seit 2007 nicht verbessert – wird die BAG noch in diesem Jahr verstärkt aufgreifen. Mit dem nationalen Kindersicherheitstag und der Folgekampagne 2009 wird sie sich gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium ab Juni gezielt der Verhütung von Vergiftungen im Kinderalter widmen.

Weiterführende Informationen

Ausführliche Berichte zur europäischen Kindersicherheitsstudie finden sich auf der Internetseite der European Child Safety Alliance unter www.childsafetyeurope.org .
Hier sind auch die Report Cards und Länderprofile sowie der zusammenfassende europäische Vergleich als Bericht verfügbar (in englischer Sprache).

Die Ergebnisse für Deutschland sind auf der Webseite der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. unter www.kindersicherheit.de/html/internationales.html veröffentlicht.

Kontakt

Martina Abel
BAG Mehr Sicherheit für Kinder
Heilsbachstr. 13
53123 Bonn
E-Mail: koordination@kindersicherheit.de
Tel.: 0228/688 34 10

Die Report Cards sind Ergebnis des internationalen Child Safety Action Plan Projektes der European Child Safety Alliance. Deutschland ist mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. in diesem Projekt vertreten.


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